Meisterzwang

Artikel erschienen in der Ausgabe 1/2007, Euro Piano
von Karl Piehlmaier

Zu den Beiträgen über den "Meisterzwang" in Heft 4/2006 erhielten wir die folgende Zuschrift:

Dass die Meisterausbildung und -Prüfung an der Praxis weit vorbeiging, haben Udo und ich schon während unseres Meisterkurses in Ludwigsburg mitbekommen (und nicht nur wir beide!). Es ist sicher interessant einmal(!) eine Teilung zu zeichnen und zu sehen, wie sich daraus ein Klavier entwickeln lässt, aber das kann nicht der Sinn eines ganzen Jahres sein. Was man da an Theorie zu lernen hatte, die wirklich nur für die Prüfung gefordert wurde, war schon ein ganz schöner Berg. Seitdem habe ich es nie wieder gebraucht. Für mich ist es daher nicht so überraschend, dass kaum mehr jemand an dieser Prüfung interessiert ist.

Anders sieht es aber aus, wenn wir einmal vergessen, dass wir Handwerker sind. Jeder Handwerker weiß, was mit dem Meisterzwang passiert ist, der normale Kunde aber hat diese Meldung längst vergessen. Ich erlebe praktisch jede Woche neu, dass mich ein Kunde, nachdem er meinen im Laden aufgehängten Meisterbrief gelesen hat, voll Bewunderung darauf anspricht: "Gell Sie sind sogar Meister". Das ist für einen Franken schon fast ein Gefühlsausbruch. Es steckt noch im ganz normalen Kunden, dass er einem Meister automatisch mehr zu- und auch vertraut als einem vielleicht sogar fachlich besseren Handwerker, der aber "nur" Geselle ist. Wenn der Kunde aber dann von seinem "Meister" enttäuscht wird, dann ist dieser wirklich bei ihm "unten durch". Das heißt, ich muss mir meinen Meistertitel jeden Tag wieder neu verdienen, nicht in der Theorie, sondern praktisch.

Schon in Ludwigsburg haben wir versucht, hinter "Geheimnisse" zu kommen, von denen wir damals im Unterricht gesagt bekamen: "Sie glauben doch nicht, dass ich ihnen Dinge beibringe, mit denen ich noch Geld verdienen kann". Es ging damals um Resonanzbodenwölbung und solche Sachen. Damit sind wir aber meiner Meinung nach bei einem zentralen Problem. Wenn man sich mit Kollegen unterhält, hört man immer wieder die Meinung: "Du glaubst doch nicht, dass ich mir einen jungen Konkurrenten heranziehe und dem alles lehre, was ich mir in meinem Leben erlesen und erarbeitet habe nur damit er mich dann hinterher vom Markt drängt". Für viele Kollegen ist das sicher ein großes Hindernis, denn sie müssen ja mit ihrer Arbeit den Betrieb und die Familie am Leben erhalten. Auf der anderen Seite wäre es aber eine Riesenchance, endlich wirklich fachlich gute Nachfolger heranzubilden, die vielleicht den Betrieb einmal übernehmen und erfolgreich weiterführen könnten. Eine gute Möglichkeit wäre vielleicht so etwas wie die früheren "Wanderjahre" nach der Gesellenprüfung, um unterschiedliche Arbeitsweisen und auch Betriebe kennen zu lernen. Das heißt ja nicht, dass ich zu Fuß durch die Welt marschieren muss, sondern dass man sich z.B. aus einem Pool von BDK-Mitgliedern einen Arbeitsplatz auf Zeit sucht und dann nach einigen Monaten wieder einen neuen Betrieb probiert. Und junge engagierte Leute bekommen sehr schnell heraus, was ein Betrieb (und Meister) taugt. Das hätte für den BDK auch ganz nebenbei eine gewaltige Attraktivitätssteigerung zu Folge. Über einen obligatorisch vom Lernenden auszufüllenden Fragebogen nach jedem Praktikum hat der BDK eine gewisse Kontrolle über die Qualität der ganzen Geschichte. Er muss dann natürlich auch den Mut haben, für diesen Zweck unbrauchbare Betriebe aus dieser Liste zu streichen.

Auch die Idee mit der CD finde ich gut - allerdings wird die Umsetzung sehr zeitintensiv und vor allem setzt sie ein großes Fachwissen im IT-Bereich voraus, das uns in der Regel fehlt. Wer seinen Internetshop selbst angelegt hat und pflegt, weiß wovon ich spreche.

Wenn die Ausbildungspläne endlich entstaubt und entrümpelt werden, sehe ich eine große Chance für unseren tollen Beruf. Wenn wir aber auf dem jetzigen Weg weiterwursteln, sehe ich in absehbarer Zeit ziemlich schwarz für die berufliche Zukunft unserer Nachfolger.

Karl Piehlmaier
Klavierbauermeister, Würzburg

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